Ingrid Lechner-Sonnek: „So gesehen sind die Medien in einer gewissen Art und Weise auch Partner.“

Von Gerald Rumpf

 

Ist man als PolitikerIn stark davon abhängig, dass man in den Medien vorkommt? Wie setzt man sich am besten in Szene?

Man ist natürlich davon abhängig. Zum einen: Je weiter man im Alltag von der Gemeindeebene weg ist, desto mehr muss man auf Medien setzen. Wenn einem Politiker das völlig egal wäre, würde niemand das Gefühl haben, dass er überhaupt etwas tut, dass er überhaupt arbeitet. Das ist aber sehr wichtig. Das ist mir wichtig, weil ich gewählt wurde. Die Leute erwarten sich etwas von mir. Zum anderen: Wenn man wieder gewählt werden will, muss man natürlich sichtbar machen, dass es einen Unterschied macht, ob man im Landtag sitzt oder nicht. Also man muss sich darum kümmern. Was ich als Fortschritt empfinde, das sind die Neuen Medien, Stichwort „Facebook“. Wenn man den traditionellen Weg über die klassischen Medien wählt, dann hat man nicht in der Hand, was zum Beispiel die „Kleine Zeitung“ darüber berichtet, was ich gesagt habe. Welchen Satz nehmen sie heraus? Nehmen sie überhaupt einen O-Ton heraus? Oder wird etwas berichtet, das ich so gar nicht gesagt habe? Das kann alles passieren. Wenn ich zum Beispiel auf „Facebook“ direkt aus Sitzungen heraus poste, dann habe ich in der Hand, was ich sage. Das kann und darf auch niemand verändern. Andere dürfen darauf reagieren, das ist manchmal sehr interessant. Das Internet ist aber für mich auch wichtig, weil ich Adressverteiler zu den Schwerpunktbereichen habe, an denen ich arbeite. Da schicke ich von mir aus immer wieder Informationen aus. Wenn zum Beispiel Gesetze kurz vor der Entscheidung sind, schicke ich den Entwurf aus und sage: „Was fällt Ihnen auf? Haben Sie irgendeinen Einwand? Schicken Sie mir Ihre Hinweise!“

(…)

Hat sich das Verhältnis zwischen Politik und Medien, seit Sie dabei sind, irgendwie verändert? Beziehungsweise die Berichterstattung?

Ja, die Berichterstattung hat sich vorwiegend verändert. In ihrer Struktur. Zu der Zeit, als ich angefangen habe, war es so, dass zum Beispiel, wenn irgendein Thema aufgekommen ist, und eine Zeitung darüber berichtet hat, es gang und gäbe war, dass diese Zeitung von sich aus recherchiert hat oder eben Aussendungen angeschaut hat und gesagt hat: „Die ÖVP sage, das möchte sie nicht und die SPÖ sei anderer Meinung und die Grünen sagen das.“ Am Ende der Artikel war immer eine Auflistung, wo man gesehen hat, wie die Parteien dazu stehen – was ich super gefunden habe. Nicht nur für mich, für meine Arbeit, sondern die Bevölkerung wusste sofort, auf welches Pferd zu setzen war. Oder von wem man sich was erwarten könne. Ist doch interessant. Die entscheiden ja. Das hat sich völlig aufgehört.

Heute ist es oft so, dass wir nicht mehr gefragt werden. Auch im Fernsehen war das oft so. Als ich auf Landesebene angefangen habe und Klubobfrau und Landessprecherin war, hat es kurze Interviews gegeben. Ich weiß nicht, wie oft ich damals gefragt worden bin: „Können Sie schnell in den ORF kommen?“, oder „Können wir in den Klub kommen?“ Dann ist jemand mit der Kamera gekommen, hat mir das Mikro unter die Nase gehalten und gesagt: „Wie stehen Sie jetzt dazu?“ Ich kann mich zum Beispiel noch erinnern, als Papst Johannes Paul II. gestorben ist. Ich sagte: „Nein, bitte. Es ist Sonntagnachmittag, ich habe mir gerade die Haare gewaschen. Ihr könnt doch nicht erwarten, dass ich mag.“ Sie sagten: „Wir kommen zu Ihnen.“ Hinter meinem Haus haben sie mich interviewt. Darauf hätte ich gerne verzichtet.

Mittlerweile ist es so, dass man manchmal große Mühe hat, wenn man weiß, dass es über eine Sache Berichterstattung geben wird, einfach weil man es erlebt. Da passiert etwas und man macht dann eine Presseaussendung dazu. Die Wahrscheinlichkeit ist oft gering, dass sie überhaupt Erwähnung findet. Es ist für uns, vor allem als Oppositionspartei, derzeit extrem schwierig in der Steiermark in die Medien zu kommen. Es gibt da offensichtlich das Faktum der Unterstützung, die die Reformpartnerschaft, also die Koalition zwischen SPÖ und ÖVP, genießt. Ich habe das sogar schon einmal schriftlich bestätigt gesehen, weil es mir Leute zugeschickt haben, dass sowohl der Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ als auch eine Journalistin auf den Vorwurf hin, sie unterstützen die Reformpartnerschaft mit ihrer Sicht der Dinge, in einer E-Mail bestätigt haben: „Ja, das tun wir, weil wir finden, das ist gut, was die machen.“ Ich denke mir, das darf man schon, aber dann darf man nicht mehr behaupten, dass man ein unabhängiges Medium ist. Das spüren wir verdammt stark. Ich versuche seit Wochen und Monaten zu einer Berichterstattung über die Kürzungen bei der beruflichen Integration für Menschen mit Behinderung zu kommen. Das ist fast nicht möglich.

 

Zur Person

Geburtsdatum: 30. März 1953

Ausbildung: 1971 Matura

Beruflicher Werdegang/wichtigste Stationen der beruflichen Laufbahn: Arbeit im Behindertenbereich

Politische Laufbahn: 1990–2001 Gemeinderätin, 1995–2000 Finanzstadträtin in Gleisdorf, seit 2000 Landtagsabgeordnete, 2000–2011 Klubobfrau, 1998–2005 Landessprecherin der „Grünen“, 2004–2008 Mitglied des Bundesvorstands der „Grünen“

Aktuelle Position: Abgeordnete zum Steiermärkischen Landtag

Das strebe ich noch an: Die Rücknahme der Kürzungen im Behindertenbereich, die Verbesserung der medizinischen und sozialen Angebote in den Regionen des Landes, sowie bessere Grundlagen für die Schulen, damit aus Integration langsam aber sicher Inklusion wird.

 

Morgen

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