Roland Reischl: „Dieses Urbild vom rasenden Reporter gibt es nicht mehr.“

Von Anna Felber und Sarah Matiasek

Sie haben eher den ungewöhnlichen Weg gewählt. Normalerweise sind Leute zuerst Journalisten und wechseln dann in die Pressearbeit, bei Ihnen war es genau umgekehrt. War das schwierig, sind Sie auf Widerstand gestoßen?

Sie haben Recht, es war wirklich untypisch und ich glaube, das war nur möglich, weil dieser Zeitraum von drei, dreieinhalb Jahren genau noch im Rahmen war. Ich glaube, dass es sonst sehr, sehr schwer ist, vom Pressesprechertum wieder in den Journalismus zurückzukehren, weil man einfach einen gewissen Stempel drauf hat, einen parteipolitischen Stempel. Das habe ich schon gespürt, in der Zeit als ich zurückgekommen bin. Die ersten ein, zwei Jahre waren politisch für mich sehr schwierig. Nachdem ich von einem SPÖ-Landesrat gekommen bin – ich sage das einfach so und das ist lange genug her – war ich für viele in der SPÖ ein Verräter, weil ich in die „schwarze“ „Styria“ zurückgegangen bin. Und ich war für die ÖVP in der ersten Phase kein Ansprechpartner, weil ich ja ein „roter“ Pressesprecher war. Das heißt, es war beidseitig ganz schwierig und ich habe mir in dieser Zeit damit beholfen, dass ich mich in der Politikberichterstattung zurückgehalten habe und einfach versucht habe, gute Geschichten zu machen. Und ich habe mich ganz massiv aus den Bereichen herausgehalten, wo ich Ressortwissen hatte. Ich habe zwei Jahre lang keine Spitalsgeschichten geschrieben, obwohl ich viele gewusst hätte und schreiben hätte können. Ich habe mich aber bewusst aus den Bereichen, wo ich Insiderwissen hatte, herausgehalten.

(…)

„Politik, die versucht, redaktionell rüberzukommen“ – im Grazer Gemeinderatswahlkampf 2008 gab es von der ÖVP eine Beilage zur „Woche“, die sich typographisch nicht sehr von der restlichen Zeitung abgehoben hat. Sie haben im Nachhinein gesagt, dass Sie darüber nicht sehr glücklich waren.

Dazu stehe ich nach wie vor. Eigentlich war es im Sinne dessen, was wir Kunden anbieten, korrekt gemacht. Das Ding nennt sich Druckstrecke, das heißt, es sind acht mitgedruckte Seiten im Mittelteil der Zeitung. So wie jedes Supplement – in der „Kleinen Zeitung“ war es, glaube ich, gerade eine Kroatien-Beilage. Nur, dass die ÖVP das damals sehr genial gemacht hat. Wir haben ein eigenes PR-Layout. Sie hat sich dieses PR-Layouts bedient, das noch verfeinert und sich mit aller Brutalität ganz in die Nähe der Redaktion gerückt hat. Das war wirklich für den normalen Leser nicht mehr unterscheidbar. Es war alles mit „Werbung“ gekennzeichnet, das ist überall draufgestanden. Aber – und das ist kein Vorwurf an die ÖVP, da hätten wir aufpassen müssen – das war ein Prozess, in dem wir massiv an Glaubwürdigkeit verloren haben. Wenn die Menschen dort reingelesen haben, und diese Rückmeldung habe ich auch bekommen, haben sie nach der dritten, vierten Seite gemerkt, „hoppla, ich befinde mich in einem Werbefolder der ÖVP“. Diese Rückmeldung: „Ich habe mir gedacht, das ist von euch und erst nach vier Seiten gemerkt, dass es von der ÖVP ist und habe mich geärgert“, das ist das Schlimmste. Ein Leser, der sich von uns „verarscht“ fühlt, ist das Schlimmste, das passieren kann. Die ÖVP hat nichts falsch gemacht, sie hat alles richtig gemacht. Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass es offenbar funktioniert hat. Nagl hat bei der Wahl fast 40 Prozent gemacht.

(…)

Das heißt, den Vorwurf: „Diese Partei schaltet ein Inserat, natürlich wird über sie positiv berichtet“, darf man nicht machen?

Dass eine Gratiszeitung, und dazu stehe ich, prinzipiell ein unverkrampfteres Verhältnis zu Anzeigenkunden hat, als es Kaufzeitungen haben, das ist so. Ich habe das auch in meiner Karriere gesehen, ich habe wirklich mein halbes Leben Gratiszeitung gemacht. Die haben einen anderen Zugang. Es gibt da den Satz: „Es sollte dem Kunden zumindest nicht schaden, wenn er bei uns inseriert.“ Er muss ja nicht zwangsläufig einen Nutzen haben, aber er sollte nicht auch noch eines „draufkriegen“, nur weil er inseriert. Dass das im politischen Bereich noch eine Spur sensibler ist, ist richtig. Ich glaube, dass wir da ein recht gutes Modell gefunden haben, politische Parteien zu gewichten. Bleiben wir beim Beispiel Graz: Wenn ich einen Bürgermeister habe, der 35 Prozent, 36 Prozent hat, dann spiegelt sich diese Gewichtung, wie die Grazer Bürger gewählt haben, bei uns in der Zeitung wider. Sie werden anteilsmäßig mehr ÖVP sehen als Sie „Grüne“ sehen. Das ist so.

 

Zur Person

Geburtsdatum: November 1967

Ausbildung: 1986 Matura, Jus-, BWL-Studium (nicht abgeschlossen)

Beruflicher Werdegang/wichtigste Stationen der beruflichen Laufbahn: 1992–1996 Redakteur „Woche Graz“, 1996–1999 Pressesprecher von Günter Dörflinger, Landesrat für Spitäler, Gesundheit und Jugend, 2000–2004 Redakteur „Woche Graz“, seit 2004 Chefredakteur „Woche Graz“, seit 2009 Chefredakteur „Woche Steiermark“

Aktuelle Position: Chefredakteur „Woche Steiermark“

Das strebe ich noch an: Wichtig wäre es mir, dass es mir und dem ganzen Team der „Woche“ gelingt, mit der „Woche Steiermark“ ins digitale Zeitalter zu kommen. Dass die Vernetzung von Print und Online funktioniert, weil das für die Zukunft der Zeitung ganz wichtig ist.

 

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